„Radikal in den Zielen, konsequent in der Umsetzung“

Das war die Podiumsdiskussion „Natur statt Beton“ am 9.10.

Zahlreiche Interessierte und vier herausragende ExpertInnen sind der Einladung der GRÜNEN Eisenstadt zur Podiumsdiskussion „Natur statt Beton“ gefolgt. Mehrere 100 Personen waren via Livestream auf Facebook mit dabei. Die Videos der inhaltlichen Inputs und der Diskussion sind auf der Facebookseite https://www.facebook.com/GrueneEisenstadt/ zum Nachschauen.

Hier kurz zusammengefasst die Conklusio der einzelnen ExpertInnen:

Mario Winkler
Ist Sprecher für die Hagelversicherung. Mit aufwühlenden Kampagnen versucht das Unternehmen auf die Folgen der Bodenversiegelung für Klima, Natur und Lebensmittelsicherheit hinzuweisen. In seinem Statement hat er eindrucksvoll hergeleitet, was es für die Landwirtschaft bedeutet, wenn weiterhin in rasender Geschwindigkeit fruchtbarer Boden verbaut wird. „Landwirte haben ihre Werkstatt unter freiem Himmel und sind besonders stark vom Klimawandel betroffen. Dieser ist ein Faktum. Was die Schadensumme in der Landwirtschaft im vergangenen Jahr beweist: 270 Mio Euro aufgrund von Trockenheit und Unwettern.“ Mario Winkler weißt darauf hin, dass die Ziele schon seit 2002 festgeschrieben sind: ein Nachhaltigkeitsverbrauch von 2,5h neue Versiegelung pro Tag in Österreich, tatsächlich sind es 12,4ha. „Wenn der Verbrauch in dieser Geschwindigkeit weiter geht, haben wir in 200 Jahren kein Stück fruchtbaren Ackerboden mehr.“
Elke Szalai
Die Landschaftsplanerin war mit ihrem Unternehmen Planung und Vielfalt maßgeblich am Mobilitätsprojekt SAGMO, das an Eisenstädter Schulen durchgeführt wurde, beteiligt. Sie kennt die Verkehrssituation in der Landeshauptstadt gut und analysiert deren Entwicklung sowie Zukunftsszenarien. Szalai weist gleich darauf hin, dass Menschen mehr sichere Wege benötigen, um sich für die Fortbewegung  zu Fuß oder mit dem Fahrrad zu entscheiden. Und diese Wege müssen ohne Umwege zu den wichtigen Zielen führen. Der Individualverkehr mit dem Auto, trägt aufgrund der Funktionentrennung in der Stadt massiv zur Versiegelung bei. „Für einen Verkehrsteilnehmer/ eine Verkehrsteilnehmerin müssen mehrfach Parkplätze verfügbar sein: Zuhause, am Arbeitsplatz und am Einkaufsort. Ein mittelgroßes Einkaufszentrum verfügt über 4-5000 Parkplätze, die oft nur an wenigen Tagen im Jahr ausgelastet sind.“ Ein Lösung dafür wäre aus Sicht der Expertin, dass Einkaufszentrums-BetreiberInnen auch dafür sorgen müssen, dass der Standort öffentlich, zu Fuß und mit dem Rad gut erreichbar ist. Weniger Parkplätze oder auch im EKZ Parkraumbewirtschaftung zu verordnen, würde den Verkehr eindämmen.
Roland Murauer
hat mit seiner Firma CIMA das Projekt „Masterplan Innenstadt“ in Eisenstadt geleitet. Er beleuchtet, was es für die Innenstadt bedeutet, wenn immer noch mehr Gewerbeflächen an den Ortsrändern gebaut werden und spricht über Alternativen. Gleich zu Beginn zeigen seine Kennzahlen auf, wie sinnlos weiterer Bau von Handelsflächen in Eisenstadt ist. Jede/r EinwohnerIn hat 6,5m² Handelsfläche zur Verfügung. Der Durchschnitt ähnlich großer Städe liegt bei 3,8m². Gleichzeitig ist die Flächenproduktivität niedrig. Mit Nachdruck stemmt er sich gegen die Aussage, dass neue Flächen Jobs bringen: „Innerstädtische Standorte bringen mehr Jobs, bessere Jobs und höhere Flächenproduktivität.“ Das Märchen von den „neuen Jobs“ und den vielen gratis Parkplätzen, die uns Zeit und Nerven sparen, entspränge unserem „Reptiliengehirn“, meint Murauer.
Nina Tomaselli
ist Landtagsabgeordnete Vorarlberg und hat an der Entwicklung des innovativsten Raumordnungsgesetz Österreichs mitgearbeitet. Das Gesetz soll im Herbst beschlossen werden. Die junge Politikerin spricht unangenehme Fakten gleich zu Beginn an: „In Vorarlberg wird Bauland gebunkert – InvestorInnen halten es fern vom Markt. Dadurch sind die Preise enorm gestiegen. Quadratmeterpreise von über 600 Euro sind die Norm.“ Dadurch wird Wohnen für Familien teuer, Firmen können ihre Betriebe nicht erweitern, Infrastrukturkosten belasten die Gemeinden und der Druck, neues Grünland umzuwidmen steigt. Tomasselli weiter: “ Man muss bedenken, dass eine Umwidmung von landwirtschaftlichen Flächen schafft Kapital. Bei Preisen von 15 Euro pro m² Grünland sind durch den Verwaltungsakt der Umwidmung Gewinne von bis zu 3000% möglich. Das kann ein Landwirt kaum mit seinem eigenen Produktionsgut erreichen.“

FAZIT

  • Alle DiskutandInnen weisen auf die vorbildlichen Raumordnungsgesetze in Salzburg und Vorarlberg hin, die den Bau von neuen Einkaufszentren schwer bis unmöglich machen, Bedarfswidmung ermöglichen und Finanzinvestoren das Bunkern von Bauland erschweren.
  • Weitere hemmende Faktoren für Flächenversiegelung wäre eine Änderung der Kommunalsteuer und Raumplanung regional über die Gemeindegrenzen hinweg gedacht. Das würde auch BürgermeisterInnen entlasten, die den Begehrlichkeiten von GrundbesitzerInnen und ProjektentwicklerInnen ausgesetzt sind.
  • Einig sind sich alle: der Ausbau des öffentlichen Verkehrs auch in den ländlichen Regionen nach Vorbild Vorarlberg: 365 Euro Ticket, 15 Minuten Taktung, bis in die Abendstunden.
  • Jede/r Einzelne kann etwas tun, um das laufende Fortschreiten der Bodenversiegelung zu verzögern: in der Innenstadt und bei kleinen Betrieben einkaufen, mit dem Rad, öffentlich oder zu Fuß unterwegs sein bis hin zu sich aktiv in einer Bürgerinitiative engagieren.
Auf die Frage von Moderatorin Anja Haider-Wallner, ob wir es uns angesichts der vernichtenden Datenlage, ökologisch und ökonomisch überhaupt noch leisten können, nicht nach radikalen Lösungen zu streben, meint Tomaselli: „Wir müssen radikal in unseren Zielen sein, und beharrlich in der Umsetzung.“ Im Abschlussstatement erntet Mario Winkler noch Szenenapplaus für seinen Satz: „Wenn wir wollen, dass Österreich statt dem Land der Bagger zukunftsarm, ein Land der Äcker zukunftsreich bleibt, dann müssen wir handeln.“ Dem ist nichts hinzuzufügen.

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